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Diversität als Chance für junge, lokale Hörfunkredaktionen

18. März 2022

Diversität als Chance für junge, lokale Hörfunkredaktionen

Mit den new-media Angeboten als Konkurrenz könnte Diversität für lokale Hörfunkredaktionen ein Schlüssel zu neuen Geschichten, Identifikationsfiguren und damit zu neuen Zielgruppen und einer erfolgreichen Zukunft sein.

Ein Gastbeitrag von Marie Hecht

News-Apps versorgen uns 24/7 mit Push-Nachrichten, Streaming-Anbieter mit personalisierter Unterhaltung. Je populärer und ausgefeilter die nicht-linearen Medien, Social-Media-Angebote und Nachrichten-Apps werden, desto dringlicher wird die Frage danach, warum junge Generationen noch klassische Medien, wie das Radio, konsumieren sollten. Gerade lokale Radiosender werden in Zukunft weder mit ihrer Musikauswahl noch mit halbstündlichen oder stündlichen Nachrichten aus der ganzen Welt punkten können. Sie brauchen neue Alleinstellungsmerkmale, Personalitys an den Mikros und in den Redaktionen und neue Geschichten. Je diverser die Redaktionen, desto höher die Chancen für einen einzigartigen Sender. Aber wie können lokale Hörfunkredaktionen diverser werden und warum sind sie es noch nicht? Mit diesen Fragen setze ich mich in meiner Masterarbeit auseinander.

Mehr Vielfalt in den Redaktionen

Bereits 2018 appellierte der Deutsche Journalisten-Verband an Medienunternehmen, “bei der Auswahl ihrer Beschäftigten die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden – etwa in Bezug auf Alter, Geschlecht, Ethnizität, soziale Herkunft, sexuelle Orientierung sowie physische und psychische Verfassung“. Diese Forderung nach „mehr Vielfalt in den Redaktionen" ist auch heute, vier Jahre später, noch aktuell.

Statistiken zeigen, dass die Menschen in deutschen Redaktionen im Durchschnitt 50 Jahre alt sind. Die öffentlich-rechtlichen Redaktionen sind zudem sehr „hierarchisch, bürokratisch und stereotyp“, wie Hadija Haruna-Oelker und Lorenz Rollhäuser in ihrem Feature „Dekolonisiert euch! Die Öffentlich-Rechtlichen und die Migrationsgesellschaft“ eindringlich darstellen. Ganz besonders die leitenden Positionen in den deutschen Medienhäusern sind extrem homogen besetzt. Das zeigt die erste Untersuchung zu Migrationshintergründen von Führungskräften in deutschen Redaktionen. Die im Mai 2020 veröffentlichte Studie „Wie divers sind deutsche Medien?” ist ein Projekt der Neuen deutschen Medienmacher*innen, eines bundesweiten Zusammenschlusses von Medienschaffenden, die sich für mehr Diversität in den Medien einsetzen. Sie zeigt, dass die meisten Führungskräfte in den Redaktionen „männlich, weiß, akademisch gebildet, nicht-behindert, cis-geschlechtlich und heterosexuell“ sind und so sei auch ihr journalistischer Blick auf die Welt.

Diverse Redaktionen machen erfolgreichen Journalismus

Während in Deutschland jede:r vierte Einwohner:in eine Migrationsgeschichte hat, ist es bei den Chefredakteur:innen nur jede:r Zwanzigste. Ähnliche Differenzen lassen sich auch in Hinblick auf andere Diversitätsmerkmale feststellen. Für eine ausgewogene Berichterstattung braucht es allerdings eine divers zusammengesetzte Redaktion. Studien zur Vielfalt in Medienunternehmen zeigen, dass Journalist:innen mit unterschiedlichen kulturellen und biographischen Hintergründen ein diverses Publikum binden und dessen Vertrauen in das Medium stärken.

Mehr Vielfalt bringe neue Zielgruppen, neue Kundschaft und vor allem einen besseren, erfolgreicheren Journalismus, meint die Journalistin und Diversity-Trainerin Sabrina Harper. Es gehe um Vertrauen, um Glaubwürdigkeit und vieles mehr, was sich viele deutsche Medien seit Jahren schon entgehen ließen. Dabei seien es gerade diverse Geschichten, die ein Grund dafür sein könnten wieder Lokalradio zu hören. Lokalradios könnten besonders punkten mit Hörer:innennähe sowie neuen Geschichten und Nachrichten, die die Hörer:innen eben woanders nicht hören würden. Die These für meine Masterarbeitsforschung: Je diverser die Redaktionen, desto wahrscheinlicher ist es, genau diese Geschichten zu finden.

Diversität nach Außen reicht nicht

Um allerdings nicht nur oberflächlich und nach außen einem Diversitätstrend hinterherzulaufen, muss Diversität zu einem wichtigen Bestandteil der redaktionellen Praxis werden. Redaktionsstrukturen und -kulturen müssen sich verändern, denn diese sorgen aktuell noch für Hürden. So sind es zum Beispiel starke Hierarchien, starre Sendungsschemata, wenig Flexibilität in den Darstellungsformen, vergangenheitstreue Programmorientierung, strenge Wordingvorgaben und die Tatsache, dass zum Beispiel Akzente im deutschen Radio unerwünscht sind, die den Willen zu diverseren Redaktionen ausbremsen. Sowohl bei kommerziellen als auch bei öffentlich-rechtlichen Medienhäusern fordern die Wissenschaftler:innen der Studie „Wie divers sind deutsche Medien?“, „Ausschreibungstexte, die Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Kompetenzen ansprechen” sowie den Umbau von Entscheidungsebenen und Gremien „mit Blick auf Vielfalt”, „Weiterbildungsmaßnahmen für alle redaktionell Tätigen, um transkulturelle Kompetenzen auszubauen” und „Talententwicklung”. Wie sich diese Forderungen auf die lokalen, jungen Hörfunkredaktionen übertragen lassen, werde ich ebenfalls in meiner Masterarbeit untersuchen.

Diversität braucht konkrete Maßnahmen

In den Nutzer:inneninterviews, die ich mit Hörfunkredaktionen für ein junges Publikum durchgeführt habe, fiel zum Thema Diversität im lokalen Hörfunkjournalismus immer wieder dieser eine Satz: „Wir wollen Diversitätsmerkmale nicht in den Bewerbungsgesprächen ansprechen, sondern ganz selbstverständlich bei uns im Programm haben.“ Dieser Satz zeigt auf, dass die Hörfunkredaktionen strukturelle Veränderungen noch nicht vertiefend umsetzen. Aber was sich in den letzten 20 Jahren nicht von allein geändert hat, wird es auch in Zukunft nicht tun. Diversität in den Redaktionen zu schaffen, muss eine bewusste Entscheidung sein und mit konkreten Maßnahmen umgesetzt werden.

Vorbildlich geht seit Jahren die BBC mit klaren Zielvorgaben hinsichtlich sämtlicher Diversitätsmerkmale für alle Mitarbeitenden voran. Alle zwei Jahre überprüfen sie ihre Fortschritte und legen neue Zielvorgaben fest. Das zahlt sich aus. Zu Recht bemerken Johanna Mack und Roman Winkelhahn im European Journalism Observatory, dass das allerdings in einem der größten internationalen Medienunternehmen, das Diversität schon durch seine globale Ausdehnung mitbringt, natürlich eine andere Aufgabe sei, als beispielsweise bei einer deutschen Regionalzeitung. Eine ähnliche Bemerkung dürfte auf die Lokalradios zutreffen.

Die Frage danach, wie es möglich ist, solche Best-Practice Beispiele auf lokale Hörfunkredaktionen in Deutschland zu übertragen wird meine Forschung ergänzen. Ich hoffe, daraus konkrete Handlungsempfehlungen für die lokalen Hörfunkredaktionen entwickeln zu können.

Marie hat nun das Basic Research Program durchlaufen und steckt schon mitten in ihrer Abschlussarbeit. Mehr zum Programm gibt es hier!


Marie Hecht

Marie Hecht ist Kulturwissenschaftlerin und schreibt ihre Masterarbeit im Studiengang Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Bevor die gebürtige Dortmunderin 2017 nach Berlin zog, lebte sie in London, Mendoza und Leipzig. Bereits mit 16 Jahren produzierte sie begeistert Radiobeiträge für den Bürgerfunk ihrer Heimatstadt. Seitdem hat sie der Hörfunk nicht mehr losgelassen. 2020 startete sie ihren eigenen Podcast „Rote Brause“, mit dem sie wöchentlich Berliner Lokalnachrichten in einem jungen, neuen Format präsentierte. Als Freie ist sie außerdem für Deutschlandfunk Kultur und das rbb Feature tätig.

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